Tübinger Arbeitsstelle Sprache in Südwestdeutschland
Bestand an Dialektaufnahmen
Das Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft der Universität Tübingen verfügt über 2.040 historische Tonbandaufnahmen gesprochener Sprache (Mundarten, Umgangssprache, Standardsprache) aus 500 Orten (in Baden-Württemberg, darüber hinaus in Bayerisch-Schwaben, Vorarlberg und Liechtenstein). Erste Aufnahmen entstanden um 1950, ab 1955 haben Hermann Bausinger und dann vor allem Arno Ruoff Aufnahmen für das Deutsche Spracharchiv gemacht, das heute zum Institut für deutsche Sprache (Mannheim) gehört; von dessen rund 8.000 Dialektaufnahmen stammen 878 aus dem Tübinger Bestand. Die 1959 von Arno Ruoff gegründete Tübinger Außenstelle des Deutschen Spracharchivs wurde später die selbständige Tübinger Arbeitsstelle "Sprache in Südwestdeutschland". Von allen 2.040 Tübinger Tonbandaufnahmen mit einer Dauer von rund 850 Stunden liegen Transkripte vor (1.620 literarische, 420 phonetische Umschriften).
Das mit großem finanziellen Aufwand (vor allem mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft) erhobene Material steht in solchem Umfang und in dieser Qualität nirgends sonst im deutschen Sprachraum zur Verfügung. Es kann daran systematisch und flächendeckend gesprochene Sprache in Abhängigkeit von ihren vielfältigen Bedingungen in einem bestimmten Gebiet (vor allem Baden-Württemberg) untersucht werden. Es handelt sich dabei um nicht-standardisierte, unvorbereitete, freie Gespräche von und mit Gewährleuten beiderlei Geschlechts, unterschiedlicher Berufsgruppen und unterschiedlichen Alters.
Interviewt wurden in den ausgewählten Orten jeweils drei Einheimische und drei Zugezogene (s. jeweils die Geburts- und die Aufnahmeorte) in den Altersstufen jung, mittel und alt.
Forschungsfragen
Nach einem "von der Dialektologie herkommenden Forschungsplan" ging es Arno Ruoff (der die Arbeitsstelle bis zu seiner Pensionierung 1995 leitete) bei seinen Untersuchungen vor allem darum: "Grammatik, Syntax, Stilistik der in unserem Gebiet gegenwärtig gesprochenen Alltagssprache an einzelnen Spracherscheinungen (z. B. den einzelnen Wortarten, Tempora, Modi) und deren Zusammenspiel nach Formen und Funktionen zu analysieren und die Abhängigkeit der Rede von außersprachlichen geographischen, sozialen, situativen Determinanten zu eruieren." (Arno Ruoff, Die Geschichte der Tübinger Arbeitsstelle "Sprache in Südwestdeutschland" 1955 - 1995. In: Idiomatica, Bd. 18, 1997, S. 283). Aber ihm, Arno Ruoff, war auch deutlich: "Völlig außer Betracht geblieben ist bis heute die inhaltliche Seite unserer Tonaufnahmen, die in unbeschreiblicher Fülle das Alltagsleben seit dem Ende des letzten Jahrhunderts authentisch belegen" (Ruoff, a.a.O., 1997, S. 285).
Für Forschung und Erinnerungsarbeit liegt mit den Tübinger Dialekt-Aufnahmen wichtiges Material vor über Alltag und Kultur, Geschichte und einzelne Biografien, über Land und Dörfer, über die Rolle von Männern und Frauen u. v. m. seit 1900, Material, das in anderer Form, z. B. in schriftlichen Aufzeichnungen, nicht überliefert wurde.
Erhaltung und Erschließung des Materials
Derzeit werden mit finanzieller Unterstützung des Fördervereins "Schwäbischer Dialekt" die aufgrund zunehmender "Altersschwäche"(erhöhte Reißgefahr der Bänder, Ablösung der Trägerschichten, zunehmendes Rauschen beim Abspielen) gefährdeten Tonbandaufnahmen digitalisiert (auf Audio-CDs), um sie für weitere Forschungen zu erhalten und um die Abspielmöglichkeiten dem modernen Standard anzupassen.
Das vorliegende Ortsregister soll ebenso wie das vorliegende thematische Stichwortverzeichnis den aktuellen Forschungs- und Such-Bedürfnissen angepasst (also auf Datenträger gespeichert) und entsprechend erweitert werden. Das vorhandene Material an historischen Mundartaufnahmen bietet jetzt schon ein weites Feld für neue aufschlussreiche Analysen. Thematische Aspekte sind etwa dort von großem Interesse, wo ansonsten schriftliche Quellen zur Alltagskultur und zur Arbeitswelt nur spärlich vorhanden sind (allgemein etwa bei der Landbevölkerung, speziell den Bäuerinnen, den Tagelöhnern und Saisonarbeitern, den Haushaltshilfen).
Für eine ausführliche Dokumentation und zur Entwicklung möglicher neuer Arbeitsfelder wurde 2004 eine Informationsbroschüre mit dem Titel Dialekt und Alltagssprache. Arbeitsstelle Sprache in Südwestdeutschland erstellt. Für das seither hinzugekommene Material an Mundartaufnahmen und Forschungsdokumentationen sind Findmittel vorhanden.
Kooperation und Förderung
Förderverein "Schwäbischer Dialekt" e.V.
http://www.schwaebischer-dialekt.de
Kontakt
Eckart Frahm
Biesingerstraße 26
72070 Tübingen
Tel. +49(0)7071/29-77308
Fax +49(0)7071/940164
e-mail frahm(at)uni-tuebingen.de
Nach Voranmeldung (auch über Anrufbeantworter) können die historischen Dialektaufnahmen in der Arbeitsstelle abgehört und die Abschriften eingesehen werden.
Lageplan
Die Arbeitsstelle Sprache finden Sie nicht im Ludwig-Uhland-Institut (Schloss), sondern etwa 1 km entfernt in der Biesingerstraße 26. Ab dem Hauptbahnhof fährt die Buslinie 9.
Presse
LUI-Arbeitsstelle Sprache in Südwestdeutschland in "Attempto. Forum der Universität Tübingen" (Ausgabe 18/2005) [weiter ...]
Literatur
Arno Ruoff: Grundlagen und Methoden der Untersuchung gesprochener Sprache. Einführung in die Reihe Idiomatica mit einem Katalog der ausgewerteten Tonbandaufnahmen (= Idiomatica, Veröffentlichungen der Tübinger Arbeitsstelle Sprache in Südwestdeutschland, in Verbindung mit Hermann Bausinger, Otmar Werner und Eberhard Zwirner hrsg. von Arno Ruoff, Bd. 1). Tübingen: Niemeyer, 1973
Arno Ruoff: Die Geschichte der Tübinger Arbeitsstelle Sprache in Südwestdeutschland 1955 1995. Mit einer Bibliographie. In: Arno Ruoff und Peter Löffelad (Hrsg.): Syntax und Stilistik der Alltagssprache. Beiträge zur 12. Arbeitstagung zur alemannischen Dialektologie. (= Idiomatica, Bd. 18), S. 283-288; 289-296 [Bibliographie]. Tübingen: Niemeyer, 1997


