Institut und Fach

Das Institut

Das Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft ist eine Einrichtung der Universität Tübingen mit sehr hoher inneruniversitärer, regionaler, nationaler und internationaler Sichtbarkeit. Mit dem Institutsnamen verbindet sich seit den Nachkriegsjahren, mit dem Fachnamen seit nahezu vier Jahrzehnten ein hoher Wiedererkennungswert. Das "LUI" und die hier vertretene "EKW" stehen für eine bundesweit einmalige und für andere Institutionen vorbildhafte Modernisierung des Faches Volkskunde, seine disziplinäre Öffnung und internationale Ausrichtung.

Das Ludwig-Uhland-Institut liegt im Zentrum der Universitätsstadt Tübingen: die Räume des Instituts befinden sich in zwei Gebäuden des Tübinger Schlosses. Vorlesungen finden gewöhnlich im Hauptgebäude der Universität statt. Das Institut verfügt über bedeutende Sammlungen von Text-, Bild-, Foto-, Ton-, Video- und Sachdokumenten, die in Lehre und Forschung genutzt werden.

Das Fach

Die Tübinger Empirische Kulturwissenschaft (EKW) gehört zum Kreis der Fächer, die aus der Volkskunde hervorgegangen sind. Sie untersucht Phänomene der Alltagskultur in gegenwartsbezogener und historischer Perspektive. Beide Sichtweisen dienen dazu, die kulturelle Ordnung und Dynamik moderner Gesellschaften zu analysieren und zu interpretieren. Grundlegende theoretische Kategorie der EKW ist Kultur, verstanden als der permanente Prozess des praktischen Aushandelns der Regeln, nach denen Menschen, Gruppen und Gesellschaften zusammen leben, sich verständigen und voneinander abgrenzen. Die EKW erforscht, wie Menschen arbeiten, ihren Alltag organisieren und miteinander verkehren, wie sie mit dem natürlichen und kulturellen Erbe umgehen und welches Bild sie sich von diesen Beziehungen selbst machen.

Schwerpunkte, Themen und Profile

Forschung und Lehre im Ludwig-Uhland-Institut zeichnen sich weniger durch hochspezialisierte und damit separierte Schwerpunkte als vielmehr durch eine gemeinsame Basis der Themen und Perspektiven aus. Darin bildet sich der Anspruch der Empirischen Kulturwissenschaft ab, Kultur nicht nur in Einzelaspekten, sondern integral als komplexes Gefüge von Prozessen und Objektivationen zu verstehen und zu analysieren. Aus der spezifischen Herkunft der Disziplin und den weichen Paradigmen des Faches ergibt sich außerdem eine besondere Aufmerksamkeit für Zusammenhänge zwischen Wissenschaft und Alltag. Eine in hohem Maße reflektierte Wissenschaftspraxis resultiert ebenso aus diesen Voraussetzungen wie die Bedeutung wissenschaftshistorischer Forschungen und eine hochentwickelte Kompetenz für die Analyse des Denkens und Handelns der Menschen in Dimensionen von Tradition und Kultur in modernen Gesellschaften.

 

Das Profil des Ludwig-Uhland-Instituts deckt zum einen das Fach wie es in der nationalen und internationale Volkskunde/Europäischen Ethnologie verstanden wird in überdurchschnittlicher Breite ab, zum anderen bietet es durch die vertretenen Schwerpunkte eine originäre Ausrichtung, die in ihrer Kohärenz im Fach und im interdisziplinären Wissenschaftsraum derzeit einmalig ist. Sie spiegeln die Widmungen der vier Professuren des Faches und integrieren Schwerpunkte der wissenschaftlichen Mitarbeiter:

 

Empirische Kulturwissenschaft/Europäische Ethnologie (Prof. Reinhard Johler)
kulturelle Dimensionen des Europäischen Integrationsprozesses - historische und gegenwärtige Konzepte des Europäischen - vergleichende Ethnologie Europas

 

Empirische Kulturwissenschaft/Wissensforschung (Jun.-Prof. Monique Scheer)
Kulturwissenschaftliche Emotionsforschung – religiöse Bildwelten und alltägliche Glaubenspraktiken – Wissensordnungen der Volks- und Völkerkunde – Körpergeschichte, anthropology of the body

 

Empirische Kulturwissenschaft/Museumswissenschaft (Jun.-Prof. Thomas Thiemeyer)
Museumsforschung - Archiv- und Sammlungsforschung - Erinnerungskultur- Sachkultur

 

Empirische Kulturwissenschaft mit Schwerpunkt Regionale Kulturanalyse (Prof. Bernhard Tschofen)
regionale Ethnographie - ethnographisches Wissen und Wissenstransfer - Transformationsprozesse räumlicher und kultureller Ordnungen - Alltagskulturen komplexer Gesellschaften

 

Daneben spielen in der Lehre und Forschung des Ludwig-Uhland-Instituts eine Reihe von schwerpunktmäßig verfolgten Querschnittthemen eine gewichtige Rolle. Im Einzelnen sind dies:

  • Alltagskultur und Alltagsgeschichte, Popular- und Medienkultur
  • Erinnerungskultur, Identitäts- und Alteritätsprozesse
  • Theorie und Methode der Inter- und Transkulturalität
  • Wissenschaftsgeschichte und Wissenskulturen
  • Sach-, Bild- und Symbolforschung

 

Als weiteres Querschnittthema hat sich durch die Beteiligung der Empirischen Kulturwissenschaft am SFB 923 "Bedrohte Ordnungen" die Erforschung lokaler Formen alpiner Katastrophenkultur etabliert. Am Beispiel zweier Lawinenunglücke (Blons 1954 und Galtür 1999) wird hierbei erörtert, ob und inwiefern solche Extremereignisse die spezifischen Ordnungskonfigurationen der betroffenen Gesellschaften bedrohen. Zugleich geht das Teilprojekt der Frage nach, vermittels welcher Deutungsmuster und Handlungsstrategien die jeweiligen Gruppierungen den plötzlichen, systemgefährdenden Einbruch dieser Katastrophen zu bewältigen suchen.