Laufende Drittmittelprojekte

Tübinger Sonderforschungsbereich (SFB) 923 "Bedrohte Ordnungen"

Im Zentrum des SFB 923 steht die Untersuchung bedrohter Ordnungen. Es geht um Aufruhr, Revolutionen und Katastrophen – um Situationen, in denen der alltägliche Lebensvollzug dergestalt durchbrochen ist, dass etablierte Wahrnehmungsformen, Verhaltensmuster und Handlungsoptionen an Verlässlichkeit verlieren. Hierbei gilt das Interesse zum einen den spezifischen ordnungskonstitutiven Strukturen, den Wertvorstellungen und Wissensbeständen, die das jeweilige soziokulturelle Gefüge ehedem unbefragt prägten und nun durch die Konfrontation mit einer existentiellen Bedrohung herausgefordert werden. Zum anderen geht es darum, den gesellschaftlichen Umgang mit solchen systemgefährdenden Ein- und Umbrüchen in den Blick zu nehmen: Wie wird das Geschehen gedeutet und welche Formen des Bewältigungshandelns setzen sich durch? Welche Machtstrukturen kommen innerhalb solcher Definierungsprozesse zur Wirkung? Wann werden die Verhältnisse wieder als geordnet empfunden? Lassen sich fallübergreifende Reaktionsmuster und Verlaufstypen identifizieren?
Der interdisziplinäre Zugang sowie eine breite zeitliche und räumliche Streuung der Untersuchungsgegenstände sollen gewährleisten, dass im Rahmen des SFB auch sehr unterschiedliche Ordnungskonfigurationen unter dem Aspekt der Bedrohung analysiert und einem umfassenden Vergleich zugeführt werden können. Ausgehend von den konkreten Fallbeispielen der sechzehn Teilprojekte wird so das übergeordnete Ziel verfolgt, gegenwärtige Formen der Krisendiagnostik zu historisieren. Zugleich möchte sich der SFB vermittels seiner historisch-diachron ansetzenden Untersuchung von Situationen verdichteten Veränderungsdrucks am Entwurf einer weitreichenden Theorie des schnellen sozialen Wandels beteiligen. Schließlich soll ein empirisch fundiertes Modell „Bedrohter Ordnungen“ erarbeitet werden, das sich überkommenen Leitdifferenzen – wie vormodern/modern oder europäisch/außereuropäisch – nicht im Voraus fügt, sondern zu deren Überprüfung und Neujustierung beiträgt.

 

Teilprojekt der EKW "Istrien als ‘Versuchsstation’ des Kulturellen. Hybridität als (bedrohte) Ordnung"

 

ProjektlaufzeitOktober 2015 bis Juni 2019
ProjektleitungProf. Dr. Reinhard Johler
reinhard.johler[at]uni-tuebingen.de
Wiss. MitarbeiterInnenDaniela Simon, Postdoc
daniela.simon[at]uni-tuebingen.de
Francesco Toncich, Doktorand
francesco.toncich[at]uni-tuebingen.de


Das Teilprojekt untersucht im Rahmen des Sonderforschungsbereichs „Bedrohte Ordnungen” kulturelle Hybridität in Istrien im ausgehenden 19. Jahrhundert und analysiert die aus verschiedenen Ordnungsperspektiven beschreibbaren Bedrohungswahrnehmungen, die aufgrund der extremen Heterogenität der Bevölkerung virulent wurden und zu unterschiedlichen Strategien des re-ordering führten. [mehr]


Teilprojekt der EKW „Humor in sozialen Bewegungen 1975-86: Dis-ordering und re-ordering“

 

ProjektlaufzeitJuli 2015 bis Juni 2019
ProjketleitungProf. Dr. Monique Scheer
monique.scheer[at]uni-tuebingen.de
Wiss. MitarbeiterHenning Hahn, M.A.
ernst-henning.peters[at]uni-tuebingen.de


Die Forschung zu Emotionen in sozialen Bewegungen hat sich bisher vor allem mit den ernsten und negativen Gefühlen (Angst, Wut, Scham) beschäftigt; erst in neuester Zeit hat sie sich dem ‚Spaß‘ zugewandt. Deshalb will dieses Teilprojekt nach der Vorgeschichte der  neueren ‚Spaß-Demos‘ fragen, nach der Präsenz und Funktion des Humors in Protestbewegungen der 1970er und 80er Jahre.  [mehr]

 

Zusatzverbund-Teilprojekt der EKW „Stuttgart 21: Öffentliche Empörung als emotionale Praxis der Bedrohungskommunikation“

 

ProjektlaufzeitJanuar 2013 bis Juni 2015
ProjketleitungProf. Dr. Monique Scheer
monique.scheer[at]uni-tuebingen.de
Wiss. MitarbeiterinKatharina Winkler, M.A.
katharina.winkler[at]uni-tuebingen.de

 

Im Rahmen des Promotionsverbunds innerhalb des SFB 923 „Bedrohte Ordnungen“ befasst sich das Teilprojekt der Empirischen Kulturwissenschaft mit den Protestaktionen rund um das Bauvorhaben „Stuttgart 21“, deren Höhepunkt im Spätsommer 2010 für mediale Aufmerksamkeit auf nationaler und internationaler Ebene sorgte. Das medial vermittelte Bild mitunter gut situierter Protestierender führte zur Prägung des paradox erscheinenden Begriffs „Wutbürger“, der als Sprungbrett für diese Analyse des Aufbegehrens gegen Politik und Bahnvorstand dient. Die Untersuchung fokussiert die Emotionen und deren Rolle in der Kommunikation über das Bauvorhaben als Bedrohung sowie selbst als bedrohendes Handeln. [mehr]