Abgeschlossene Drittmittelprojekte

Tübinger Sonderforschungsbereich (SFB) 1070 „RessourcenKulturen“


Gegenstand des SFB 1070 sind die sozio-kulturellen Dynamiken im Umgang mit Ressourcen.
So versteht der SFB Ressourcen als materielle wie immaterielle Grundlagen oder Mittel, die von Akteuren genutzt werden, um soziale Beziehungen, Einheiten und Identitäten zu schaffen, zu erhalten und zu verändern. Anders als in der geo- und wirtschaftswissenschaftlichen Definition sind Ressourcen für den SFB nicht einfach ein natürlich vorhandenes Potential, sondern etwas, das kulturellen Konstruktionen unterliegt und mit kulturspezifischen Umgangsformen einhergeht. Erst kulturelle Dynamiken bestimmen, was als Ressource definiert wird.
Dabei liegt der Fokus des SFB auf Ressourcen bzw. Ressourcenkomplexen, die von zentraler Bedeutung für grundlegende soziale Beziehungen, Einheiten und Identitäten sind. Prinzipiell wird davon ausgegangen, dass Ressourcen in der Regel nicht isoliert auftreten, sondern als Teil von Ressourcenkomplexen; diese stellen eine Kombination von Dingen, Personen, Wissen und Praktiken dar. Der Umgang mit Ressourcen umfasst diesem Ansatz zufolge sowohl die Erschließung und Gewinnung als auch die Verarbeitung, Verteilung und  Nutzung von sozial relevanten Ressourcen(-komplexen).
Der SFB schließt wissenschaftliche Ansätze ein, die nicht nur Menschen, sondern auch Dingen, Objekten, Tieren, Pflanzen, Wesenheiten wie Göttern oder Ahnen eine soziale Fähigkeit (agency) zusprechen. Der SFB versucht so, Dichotomien von Natur und Kultur, sozialer Bedeutungen und materieller Welt in Frage zu stellen und neu auszuloten.
 
Vertreten sind (neben der Mittelaltergeschichte, Wirtschaftsgeschichte, Altorientalischen und Griechischen Philologie, Bodenkunde und Soziologie) vor allem die Fächer Archäologie, Ur- und Frühgeschichte und Ethnologie. Die EKW erweitert das interdisziplinäre Spektrum der eher historisch weit zurückliegenden oder geographisch weit entfernten Untersuchungsfelder um eine gegenwärtige Perspektive und den Blick auf das 'Eigene'.

Mehr - Link: http://www.uni-tuebingen.de/forschung/forschungsschwerpunkte/sonderforschungsbereiche/sfb-1070.html

Zusatzverbund „Ressourcenkomplexe und Netzwerke“


Innerhalb des SFB 1070 dient der zusätzliche Promotionsverbund der Erweiterung und Ergänzung des Themenspektrums der Teilbereiche A-C.

Netzwerke werden als eine Menge von Akteuren, die durch mindestens eine Beziehung miteinander verbunden sind, verstanden. Die Einbettung in Beziehungsgeflechte hat Einfluss auf das Handeln und die Position einzelner Akteure. Diese sozialen Beziehungen können in bestimmte Kontexten als Ressourcen dienen. Dieser Ansatz wird im Promotionsverbund erweitert, indem auch nichtmenschliche Wesenheiten in die Analyse der Entstehung und Bedeutungen von Beziehungsgeflechten eingebunden werden.

Ressourcenkomplexe werden als eine Kombination aus materiellen, kulturellen und sozialen Ressourcen verstanden. Diese werden aufeinander bezogen und zueinander bewertet. Der Begriff „Ressourcenensemble“ verdeutlicht vielleicht besser, dass es sich um spezifische Zusammenschlüsse und Konstellationen von Praktiken, Objekten, Menschen etc. handelt, um bestimmte Bewertungen und soziale Dynamiken in Raum und Zeit zu erzielen. Der Beitrag des Promotionsverbunds hinsichtlich des gesamten SFB 1070 kann also sein, Ressourcenkomplexe als Ausgangspunkte für Entwicklungen, Bewegungen und Bewertungen zu befragen.

Im Promotionsverbund widmen sich die Fächer Soziologie, Wirtschaftsgeschichte, Ethnologie, Geographie (Bodenkunde) und EKW der Erarbeitung der vorgenannten Stichworte aus unterschiedlichen Perspektiven.

Forschungsprojekt der EKW im Zusatzverbund: Über das 'Selbermachen': Urbane Lebensentwürfe und Ressourcennutzung im Spannungsfeld von Natur-Kultur-Technik

 

ProjektlaufzeitOktober 2013 - Juni 2017
ProjektleitungProf. Dr. Monique Scheer
monique.scheer(at)uni-tuebingen.de
Wiss. MitarbeiterinPia Hilsberg, M.A.
pia.hilsberg[at]googlemail.com

Arbeitstitel der Promotion: „Über das 'Selbermachen': Städtische Lebensentwürfe und Ressourcennutzung im Spannungsfeld von Natur-Kultur-Technik

Handarbeit, Handwerk und Praktiken der Selbstversorgung sind älteste Kulturtechniken. Auch in jüngerer Vergangenheit lassen sich Phänomene und Bestrebungen des 'Selbermachens' beobachten, die mit verschiedenen Bedeutungen aufgeladen Auskunft über den gesellschaftlichen Kontext dieser Praktiken geben. Die Akteurinnen der handarbeitenden Frauenbewegung der Französischen Revolution – die sogenannten Tricoteuses – oder die Vertreter des arts and crafts movement des viktorianischen Englands bis hin zu strickenden Politikern im Bundestag der 1970er Jahre lassen sich alle als 'Selbermacher' bezeichnen, aber in jeweils unterschiedlichen Bedeutungszusammenhängen und mit verschiedenen politischen Agenden. Heute scheint sich eine erneute Welle des 'Selbermachens' abzuzeichnen, die wohl ebenso Bezug nimmt auf einen bestimmten gesellschaftlichen Zustand und aktuelle Diskurse. Dieses „neue Selbermachen“ (Langreiter 2012: S. 183) wird mittlerweile auf vielfältige Weise im öffentlichen Diskurs aufgegriffen: in Zeitungsartikeln, durch Do-it-Yourself-Magazine, in Radiobeiträgen und Fernsehdokumentationen, in unzähligen Ratgebern und Anleitungen oder gar in publizierten Selbstberichten (z.B. Klingner 2012). Es scheint, als träfen die Tätigkeiten des 'neuen Selbermachens' einen bestimmten gesellschaftlichen Nerv.

Das Promotionsprojekt fragt nach dieser Zeitspezifik: Kann das Bestreben selber zu machen als eine Reaktion auf den und als aktive Teilnahme am aktuellen Diskurs um endliche und schwindende 'Ressourcen' verstanden werden? Der Begriff der 'Ressource' verweist in gängigen, vor allem ökologischen und politischen Diskursen, meist auf Rohstoffe, die zur Energiegewinnung oder Nahrungsmittelproduktion benötigt werden oder aber auf finanzielle Mittel. Doch deutet der Begriff 'Ressource' bereits eine soziale Einbettung bspw. eines Rohstoffs an, weist auf Nutzungszusammenhänge hin, verweist auf eine Bewertung von etwas. Ressourcen sind Mittel, die auch immateriell sein können, wie Wissen, soziale Netzwerke, Weltsichten, politische Gefüge, Praktiken, Konzepte etc und nehmen Einfluss auf sozio-kulturelle Dynamiken. Wie lässt sich der Entstehungsprozess, der Umgang mit materiellen und immateriellen Mitteln nun in sozialen Praktiken nachvollziehen und analysieren? Welche zeitgenössische Konzeptualisierung von 'Ressourcen' lässt sich im 'Selbermachen' erkennen? Welche Ressourcen mobilisiert das 'Selbermachen'? Entstehen neue Ressourcen durch das 'Selbermachen'? Werden 'vergessene' oder 'alte' Ressourcen reaktiviert (wie z.B. Handarbeitstechniken oder Materialien)?
Ein zweiter Schwerpunkt des Promotionsprojekts ergibt sich aus den oben dargelegten Fragen: Auf welche Beziehung des Menschen zu Materialien, zu städtischem Raum, Pflanzen, Tieren und Technologien, lässt die Beobachtung schließen, dass immer mehr Menschen anfangen sich mit der Eigenproduktion von Gebrauchsdingen des Alltags (meist unter zeitlichem, finanziellem und technischem Mehraufwand) zu beschäftigen, anstatt diese im Geschäft fertig produziert zu kaufen? Auf welche spezifische Mensch-Umwelt-Beziehung verweist das 'Selbermachen'? Wie treten durch die Praktiken des 'Selbermachens' Menschen mit Materialien, Räume, Technologien, Werkzeuge, Wissen und Diskurse in Kontakt? Welchen Einfluss nehmen die beteiligten nichtmenschlichen 'Akteure' auf sozialen Sinn?

Um Formen der Wahrnehmung, Bewertung, Nutzung und die Herausbildung von Ressourcen in zu erfassen, sollen vor allem die Praktiken selbst in den Blick genommen werden. Anhand ethnografischer Methoden wie teilnehmender Beobachtung, Leitfragen gestützter Interviews im Feld, aber auch autoethnografischer Zugänge wird sich dem Phänomen des 'Selbermachens' genähert. Hierzu gehört auch die Erfassung der Räume des 'Selbermachens', der sozialen, topografischen, materiellen Infrastruktur und vor allem die dichte Beschreibung und Analyse der Praktiken (in ihrer synästhetischen Qualität) selbst.
Zentral können die theoretischen Zugänge – neben Ansätzen aus der materiellen Kulturforschung – des Anthropologen Tim Ingold und der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) sein. Ingold schreibt Dingen bzw. Materialien einen aktiven Part in der Ausformung von kulturellen Praktiken und Bedeutungszuschreibungen zu. Menschen versehen Dinge nicht einfach mit Bedeutung, diese Bedeutungszuschreibungen werden von der Materialität der Dinge und dem Umgang mit ihnen entscheidend beeinflusst (vgl. Ingold 2000, 2013). Die ANT bietet mit ihrer Verwendung des Netzwerkbegriffs die Möglichkeit, Dinge, Ideen, Lebewesen und Stoffe miteinander zu verknüpfen, ihre gegenseitige Bedingtheit herauszuarbeiten und dichotome Betrachtungsweisen – wie z.B. Natur-Gesellschaft – aufzubrechen (z.B. Latour 1995, 2001).