Abgeschlossene Drittmittelprojekte

Mobilität und Orientierung von Frauen aus dem ländlichen und städtischen Raum

Ministerium für Wissenschaft und Forschung Baden-Württemberg (MWFBW) im Rahmen des Förderprogramms "Frauenforschung an den Universitäten"

 

Laufzeit02/1997-12/1998
Teilprojekt EKW
LeitungProf. Dr. Bernd Jürgen Warneken, Tübingen
Wiss. MitarbeiterinnenChristiane Pyka
Franziska Roller
Teilprojekt Geographie
LeitungProf. Dr. Hans Gebhardt, Heidelberg
Wiss. Mitarbeiterinnen Verena Kiedaisch
Anke Väth

 

Das interdisziplinäre Forschungsprojekt "Räumliche Mobilität und Orientierung von Frauen aus dem ländlichen und städtischen Raum" ist die Fortsetzung und Erweiterung des vorangegangenen Projekts "Frauen im öffentlichen Stadtraum". Es wird in Zusammenarbeit mit dem Geographischen Institut der Universität Heidelberg (Projektleitung dort: Prof. Hans Gebhardt) durchgeführt.

 

Während über die Alltagssituation von Frauen im Stadtraum inzwischen differenzierte Kenntnisse vorliegen und sich in vielen Bereichen ein Problembewußtsein entwickelt hat, greift das Folgeprojekt zwei Bereiche auf, in denen nach wie vor Forschungsdefizite bestehen, und setzt diese in Beziehung zum ersten Forschungsvorhaben. So wird im Teilprojekt Geographie das Leben von Frauen im ländlichen Raum näher betrachtet. Es stellt sich die Frage, in welcher Weise sich die räumlichen und sozialen Gegebenheiten eines ländlichen Gebiets auf den Alltag der dort lebenden Frauen auswirken und inwiefern sich dieser vom städtischen Alltag unterscheidet. Dabei werden die Verbindungen zur Stadt aufgrund von Einkaufs- oder Arbeitsbeziehungen berücksichtigt. Die Stadtnutzung selbst hängt in erheblichem Maße davon ab, wie man sich in diesem Raum zurechtfindet. Daher wird der Schwerpunkt des Teilprojektes Empirische Kulturwissenschaft zum einen auf der Erforschung des Orientierungswissens und -verhaltens von Frauen im großstädtischen Raum liegen. Zum anderen sollen die Auswirkungen großstädtischer Wandlungsprozesse auf die Stadtnutzung verschiedener Bevölkerungsgruppen erforscht werden.

 

Teilprojekt Empirische Kulturwissenschaft - "Orientierung im großstädtischen Raum"

Das Teilprojekt im Fach Empirische Kulturwissenschaft widmet sich dem Orientierungswissen und -verhalten von Frauen bei der Nutzung des großstädtischen Raums. Hierbei ist die Diskurs- wie auch die Praxisebene von Interesse: Zum einen wird die Selbst- und Fremdeinschätzung der Großstadtkompetenz bei Frauen und deren Einfluß auf die Stadtnutzung erforscht, zum anderen sollen die tatsächlichen Orientierungsleistungen von Frauen dazu ins Verhältnis gesetzt werden. Den Hintergrund des Forschungsvorhabens bilden Wandlungsprozesse im großstädtischen Raum, welche vorhandenes Orientierungswissen in immer kürzeren Abständen entwerten. Es geht dabei sowohl um städtebauliche Veränderungen wie z.B. die Neugestaltung von Stadtvierteln (in Stuttgart z.B. des Bohnen- und des Gerberviertels), um neue Verkehrsführungen für PKWs und neue Streckengestaltungen für den ÖPNV als auch um technische und organisatorische Veränderungen (z.B. Ausdifferenzierung der ÖPNV-Tarife), welche den NutzerInnen ständig neue Kompetenzen abverlangen.

 

Doch nicht nur der Stadtraum und das Verkehrssystem befinden sich im Wandel, auch die zur Verfügung gestellten Orientierungshilfen. Stadtpläne und Karten des Verkehrsnetzes sind kaum noch ausreichend, um die komplexen Mobilitätsmöglichkeiten anschaulich zu machen. Gleichzeitig werden immer mehr Stadtinformationen, und damit auch das Stadtbild selbst, digitalisiert. Für Stuttgart ist hier das STORM-Projekt als innovativer Ansatz zu nennen.

 

Das Projekt fragt nun nach den Konsequenzen dieser Entwicklung für die Orientierungspraxis unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen. Untersucht werden soll:

 

1. Welche städtebaulichen, verkehrstechnischen und verkehrsorganisatorischen Gegebenheiten und Neuerungen bereiten bestimmten Sozialgruppen Orientierungsprobleme, die ihre Stadtnutzung beeinträchtigen oder gar zu partiellen Nutzungsverzichten führen?
2. Welche zusätzlichen Orientierungshilfen sind wünschenswert, und bei welchen bestehenden Orientierungsangeboten zeichnen sich praktische und kulturelle Nutzungsbarrieren ab?

 

Die besondere Aufmerksamkeit gilt dabei Gruppen, die über eine geringere Erfahrung in der Stadtraumnutzung verfügen und/oder weniger mobil sind. Darunter fallen Frauen im allgemeinen eher als Männer, und auch AusländerInnen sowie ältere und behinderte Menschen sind stärkeren Einschränkungen unterworfen. Im Zuge der generell zunehmenden Mobilität gilt es zudem, die Zugänglichkeit der Stadt für BewohnerInnen des ländlichen Einzugsgebietes ebenso wie für Auswärtige zu überprüfen. Dabei ist die FußgängerIn wie die IndividualverkehrsteilnehmerIn und die NutzerIn des ÖPNV zu berücksichtigen. Das Forschungsprojekt soll diverse Ebenen der Erfahrung mit den veränderten Orientierungsbedingungen aufzeigen und praxisnahe Vorschläge erarbeiten, wo wirklich Orientierungsbedarf besteht und welche Orientierungshilfen verschiedenen Sozialgruppen am ehesten entgegenkommen.

 

Für die Datenerhebung ist ein breites Spektrum empirischer Verfahren vorgesehen: Es werden qualitative Interviews mit StadtraumnutzerInnen und ExpertInnen sowie quantitative Kurzbefragungen, teilnehmende Beobachtungen und experimentelle Erhebungsformen im Stadt- wie im Landraum durchgeführt. Bei der Auswahl der InterviewpartnerInnen sollen neben raumabhängigen Sozialisationserfahrungen (Stadt/Land) auch unterschiedliche Alters- und Sozialgruppen berücksichtigt werden.