Abgeschlossene Drittmittelprojekte

Jüdische Modernität und Antisemitismus in Württemberg 1871 - 1938 (Vergleichsstudie)

Fritz-Thyssen-Stiftung

 

Laufzeit07/1998 - 06/2000
LeitungProf. Dr. Utz Jeggle
Wiss. MitarbeiterinAndrea Hoffmann
Martin Ulmer


Andrea Hoffmann, M.A., u.a. Mitarbeiterin des Kreisarchivs des Landkreises Tübingen, bearbeitet im Rahmen eines Buchprojektes die Themen "Wiedergutmachung" und "Umgang mit dem Nationalsozialismus". In ihren bisherigen Veröffentlichungen beschäftigte sie sich überwiegend mit dem Themenbereich Judentum, Antisemitismus und Kriegsende, z.B. im Buch der Geschichtswerkstatt Tübingen "Zerstörte Hoffnungen - Wege der Tübinger Juden" (Stuttgart 1995) und der Veröffentlichung des Landkreises zum 50ten Jubiläum des Kriegsendes 1995 "Einmarsch, Umsturz, Befreiung? Das Kriegsende im Landkreis Tübingen" (Tübingen 1995).

 

Martin Ulmer, M.A., u.a. wissenschaftlicher Mitarbeiter der Geschichtswerkstatt Tübingen e.V., Vortragstätigkeit v.a. zum Thema Antisemitismus. Er war Projektkoordinator und Mitautor des 1995 erschienenen Buches "Zerstörte Hoffnungen. Wege der Tübinger Juden", ist freier Mitarbeiter von Yad Vashem Archive Jerusalem, Lehrbeauftragter im Fach Empirische Kulturwissenschaft und leitete dort ein Seminar "Deutsche Juden als Minderheit - Neuere Ansätze der Geschichtsschreibung zu deutschen Juden und zum Antisemitismus".

 

Die kultur- und sozialhistorische Vergleichsstudie zur Modernität der Juden und dem Antisemitismus in verschiedenen Stadtmilieus zwischen 1871 und 1938 zielt darauf, exemplarisch den realen Einfluß, die Formen und Ursachen der Modernität der Juden herauszuarbeiten sowie das reziproke Verhältnis zum Antisemitismus zu analysieren. Diese Aspekte sind von der Forschung bislang nicht systematisch untersucht worden. Der regionalen Vergleichsstudie in württembergischen Städten kommt für die historische Forschung zur deutsch-jüdischen Geschichte exemplarische Bedeutung zu, weil an vier verschiedenen städtischen Fallbeispielen durch "dichte" Quellenforschung einzelne Einflüsse (wie jüdischer Bevölkerungsanteil, allgemeine Wirtschafts- und Sozialstruktur, kleinkammrige regionale Prägung, sowie Konfession und kulturelle Aktivitäten im Vereinsleben und der lokalen Öffentlichkeit) auf das epochal sich verändernde Verhältnis zwischen jüdischer Modernität und Antisemitismus zu untersuchen sind. Diese kultur- und sozialhistorischen Hypothesen wären in anderen Regionen Deutschlands überprüfbar; sie könnten darüber hinaus einer vergleichenden-interregionalen Forschung Impulse geben.

 

Das Land Württemberg war im 19. und frühen 20. Jahrhundert ein überschaubarer und relativ einheitlicher Raum mit stark ländlicher und kleinstädtischer Prägung. In Württemberg lebte die Mehrheit der Juden vor 1933 in Dörfern und Klein- bzw. Mittelstädten, deren jüdische Lebenswelten im Gegensatz zum großstädtischen Judentum wenig erforscht sind. Um möglichst viele dieser Faktoren miteinander vergleichen zu können, wurden für das Forschungskonzept "jüdische Modernität und Antisemitismus" vier unterschiedlich geprägte Städte in Württemberg ausgewählt: Die kleine Landstadt Buchau (heute Bad Buchau) im katholischen Oberschwaben, die protestantische Kleinstadt Tübingen mit dem Sitz der Landesuniversität, die protestantische Reichs- und Garnisonsstadt Ulm sowie die mehrheitlich protestantische Großstadt Stuttgart als Industriemetropole. In Württemberg entwickelte sich zwischen dem "urbanen" Lebensstil des jüdischen Bürgertums im Umfeld einer überwiegend traditionellen und ländlich geprägten Gesellschaft ein komplexes Spannungsfeld. Die Modernisierungsschubkraft einzelner württembergischer Juden wurde der gesamten Minderheit zugewiesen, was nicht nur Anerkennung sondern auch Neid erweckte, jedenfalls für ein ambivalentes Verhältnis zwischen Christen und Juden sorgte. Die württembergischen Juden waren aufgrund ihrer zweifachen "corporate identity" ökonomische Reformer und kulturelle Avantgarde, wofür es zahlreiche anekdotische Belege, jedoch nicht näher untersuchte Beispiele gibt, so im öffentlichen Bereich (Schaffung kommunaler Infrastruktur, liberale und fortschrttliche Politik), im Wirtschaftssektor (industrielle Förderung, Pionierfunktion im Tertiärsektor) und in der Alltagskultur (z.B. Hygiene, Erziehung, Mode, Lebenstil). Diese soziale Distanz, die hierarchisch rezipiert wurde, verstärkte die traditionelle Judenfeindschaft und fundierte die vielfach weiterbestehende gesellschaftliche Ausschließung, die durch die Emanzipationsgesetze nicht ausgeräumt wurde, sondern im Gegenteil den "Anpassungsdruck" auf und Modernisierungsbemühungen von württembergischen Untertanen jüdischer Konfession noch verstärkte. Dieser Prozeß der Wechselwirkung zwischen Modernisierungsanstrengungen der Juden und davon angestacheltem Antisemitismus vor Ort mit dem Mikroskop des Alltagshistorikers zu untersuchen, ist die Aufgabe, die sich dieses Forschungsprojekt stellt.

 

Der Forschungszeitraum erstreckt sich von der Gründung des Kaiserreichs 1871 bis zur Pogromnacht 1938; in dieser Epoche gab es in allen vier Städten ein zusammenhängendes jüdisches Leben; eine zusätzliche Voraussetzung, die Überlieferung zentraler Quellen zur Rekonstruktion der Lebensverhältnisse, ist ebenfalls gegeben. Außerdem zeigte sich sowohl die jüdische Modernität wie der Antisemitismus im Kaiserreich deutlich und ihr wechselseitiges Verhältnis veränderte sich vor allem im Ersten Weltkrieg.