Abgeschlossene Drittmittelprojekte

Frauen im öffentlichen Stadtraum. Verhaltensnormen und Verhaltensdispositive (Teilprojekt EKW)

Ministerium für Wissenschaft und Forschung Baden-Württemberg (MWFBW) im Rahmen des Förderprogramms "Frauenforschung an den Universitäten"

Laufzeit08/1994 - 07/1996
LeitungProf. Dr. Bernd Jürgen Warneken
Wiss. MitarbeiterinFranziska Roller

 

Wenn von Frauen und Stadt die Rede ist, sei es in der wissenschaftlichen Beschäftigung mit diesem Thema, sei es in der medialen Darstellung, geht es zumeist darum, daß Frauen im Vergleich zu den Männern geringere Chancen haben, sich frei in der Stadt zu bewegen. Ein wesentlicher Aspekt, der vor allem von seiten feministischer Stadtplanerinnen aufgezeigt wurde, ist hier die geringere Mobilität von Frauen. Sie resultiert daraus, daß Frauen, wie bereits das Teilprojekt Geographie darlegen konnte, seltener ein Auto zur Verfügung haben als Männer. Zudem sehen sich vor allem Mütter zumeist dadurch eingeschränkt, daß sie aufgrund der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung für die Kinderbetreuung zuständig sind und dadurch weit stärker an das Wohnumfeld gebunden sind als die Väter. Ein weiterer, vor allem in den Medien häufig genannter Grund für geringere Möglichkeiten der Stadtnutzung ist die Angst der Frauen vor der Stadt. In vielen Arealen fühlen sie sich vor allem bei Nacht, aber auch tagsüber gefährdet, weil sie sich dem Risiko von Überfällen und tätlichen Übergriffen ausgesetzt sehen.

 

Diese Auseinandersetzung mit dem Thema hat dazu geführt, daß das Bewußtsein für die Problematik gestiegen ist und vor allem im kommunalpolitischen Bereich zahlreiche Maßnahmen zur Verbesserung der Situation von Frauen im Stadtraum in die Wege geleitet wurden. Das Teilprojekt Empirische Kulturwissenschaft hat sich zur Aufgabe gemacht, die Setzungen, die einer Politik für Frauen in der Stadt zugrundeliegen, kritisch zu hinterfragen und durch eine qualitative empirische Studie zu differenzieren. Es hat sich mit den konkreten Verhaltensweisen von Frauen im Stadtraum auseinandergesetzt und sie in ca. 50 qualitativen Interviews sowie einer Reihe von Kurzbefragungen und teilnehmender Beobachtung bei Tag wie auch bei Nacht zu ihren Meinungen und Einstellungen befragt.

 

Grundsätzlich stellte sich heraus, daß eine Betrachtung von Frauen im Stadtraum allein unter der Fragestellung von Defiziten und Ängsten zu kurz greift. Vielmehr bietet die Stadt den Frauen zahlreiche Möglichkeiten der Interaktion und des Anteilnehmens am gesellschaftlichen Leben, die sich mit den Begriffen Berufsorientierung, Unterhaltungs- und Kontaktorientierung, Bildungsorientierung, Konsumorientierung und Soziale Orientierung umschreiben lassen.

 

Vor allem der Einkaufsbummel, der häufig eher belächelt wird anstatt als wichtige Form städtischer Aneignung wahrgenommen zu werden, ist hier von Bedeutung. Besonders für Hausfrauen mit kleinen Kindern ist der Gang in die Stadt zwar zeitlich eng bemessen, doch stellt er gleichzeitig eine Möglichkeit dar, am öffentlichen Leben teilzuhaben. Die Interviews ergaben, daß ein Großteil der Frauen den Gang in die Stadt nicht nur für Pflichtwege, sondern gleichzeitig auch zu all den Tätigkeiten nutzt, die gemeinhin dem männlichen Flaneur zugeschrieben werden: Beobachten, sich in der Menge treiben lassen, anhand von Überlegungen zum Äußeren der anderen PassantInnen über gesellschaftliche Prozesse und Gegebenheiten nachzudenken. Darüber hinaus erwies sich die Stadtnutzung von Frauen als multifunktional und interaktiv: Dadurch daß Pflichtwege und Vergnügungsgänge zumeist kombiniert werden müssen, ergibt sich eine vielschichtige Form der Stadtnutzung, die auch den Kontakt zu anderen mit einschließt.

 

Hierbei stellte sich auch heraus, daß das Aufeinandertreffen mit sozial Ausgegrenzten zu nennen sind hier vor allem Obdachlose im Stadtraum nicht vordringlich Angst auslöst, sondern vielmehr ebenso zur Beschäftigung mit sozialen Problemstellungen beiträgt, Neugierde befriedigt und letztlich ein integraler Bestandteil von Urbanität ist.

 

Zudem wurde deutlich, daß die Haltung gegenüber dem Stadtraum nicht nur geschlechtsspezifisch faßbar ist, sondern daß zahlreiche andere Faktoren eine wesentliche Rolle spielen; zu nennen sind hier, Alter, soziale Faktoren, Berufstätigkeit, Lebensform mit oder ohne Partner und Kinder.

 

Vor allem für jüngere Frauen ist die Stadt ein Ort, dessen Nutzung wesentlich zur Ausbildung von Selbstbewußtsein und der Selbstverortung innerhalb der Gesellschaft beiträgt. Die Interviews ergaben, daß Frauen, die nachts alleine oder mit einer Freundin ausgehen, häufig selbstbewußter sind und weniger Furcht zeigen als diejenigen, die zu Hause bleiben. Vorausgesetzt, sie machen keine schwerwiegenden Negativerfahrungen, trainieren sie auf diese Weise auch den souveränen Umgang mit Zumutungen und Belästigungen durch Männer. Auch in biographischen Umbruchsituationen kann die nächtliche Stadt ein wichtiger Raum für Neuorientierungen sein. Weiterhin ergaben teilnehmende Beobachtungen, daß die Gefahr, belästigt zu werden (im Gegensatz zu Flirts) nicht so sehr von Kleidung und Alter abhängig ist, sondern vielmehr davon, wie sicher und souverän die jeweiligen Frauen den Stadtraum nutzen.

 

Für ältere Frauen sind neue Verkehrsmittel und Veränderungen im Stadtraum ein Faktor, der zur Verunsicherung beiträgt und auch die Furcht vor kriminellen Übergriffen erhöht. Gleichzeitig bietet die Stadt vor allem denjenigen, die durch ihre persönliche Situation zu vereinsamen drohen, wichtige Möglichkeiten, soziale Kontakte zu knüpfen. Doch auch hier gilt wie in allen anderen Bereichen, daß die finanzielle Lage häufig für Selbsteinschränkungen und geringere Chancen der Stadtnutzung verantwortlich ist.

 

Abschließend ist festzustellen, daß zahlreiche gesellschaftliche Faktoren zwar zu geschlechtsspezifischen Nutzungsweisen der Stadt führen und nach wie vor die Frauen eher in den Privatraum verweisen, während Männer den öffentlichen Raum besetzen. Diese Entwicklung nimmt durch eine Verschärfung sozialer Probleme eher noch zu. Dennoch ist die Stadtnutzung von Frauen möglicherweise gerade aufgrund ihrer Mehrfachbelastung häufig vielfältiger als die der Männer, die die Stadt zwar weniger angstbesetzt erleben, doch über den Weg zum Arbeitsplatz hinaus auch weniger nutzen. Insgesamt erweist sich, daß die sogenannte weibliche Normalbiographie nur für einen Teil der Frauen und auch für diese nur einen begrenzten Lebensabschnitt lang Gültigkeit hat. Dem stehen vielfältige unterschiedliche Lebensformen von Frauen gegenüber, die wiederum zu einem differenzierten und höchst unterschiedlichen Zugang zur Stadt wesentlich beitragen.