Institutskolloquium WiSe 2017/2018

THEMEN DER KULTURWISSENSCHAFT: Un/Diszipliniertes Wissen: Fächer, Grenzen und kultur- und sozialwissenschaftliche (Selbst)Verortungen

Leitung: Monique Scheer/Jan Hinrichsen

Zeit: Do 18-20 Uhr
Beginn: 19.10.2017
Ort: Rm. 03, Ethnologie

 

Abstract:

Die Rede von interdisziplinärer Zusammenarbeit und transdisziplinärer Wissensproduktion ist in den letzten Jahrzehnten zum common sense der Wissenschaftswelt avanciert. Forschung wird fast nur noch in ‚Teams‘ von Wissenschaftler*innen aus verschiedenen Fächern finanziell gefördert, was einerseits eine Spezialisierung der jeweiligen Disziplinen annimmt und dadurch Fächergrenzen deutlich markiert, andererseits eine Dialogfähigkeit und Annäherung fordert, die Unterschiede herunterspielt. Für die Kultur- und Sozialwissenschaften speziell haben zudem postkoloniale Dynamiken, transnationale Mobilität sowie sich verändernde gesellschaftliche Selbstbeschreibungen und globale Ordnungen für die zunehmende Destabilisierung und Deplausibilisierung der Paradigmen, Zuständigkeiten und regionalen Verortungen der Disziplinen gesorgt. Am Beispiel der Universität Tübingen lässt sich gut beobachten, wie Wissenschaftler*innen aus den Disziplinen der Ethnologie, Empirischen Kulturwissenschaft und Soziologie miteinander ins Gespräch kommen und zusammen forschen. Direkt vor Ort beschäftigt uns also die Ordnung dieser Disziplinen, ihr Verhältnis zueinander, ihre Grenzen, ihre Nähen und Distanzen, ihre Legitimation und ihre angestammten Zuständigkeiten, die Gegenstand einer umfassenden Problematisierung geworden sind.
An dieser Problematisierung setzt das Institutskolloquium an und will damit sowohl die Produktivität von Disziplinen (Wie und warum wird wissen diszipliniert?) und die Bedingungen der Möglichkeit inter- und transdisziplinärer Wissensproduktion (Was ist Inter- bzw. Transdisziplinarität?) in den Blick nehmen. Mit Vorträgen von Wissenschaftler*innen aus Soziologie, Ethnologie und Empirischer Kulturwissenschaft/Europäischer Ethnologie sollen dazu einerseits die Grenzregime und Ordnungen der deutschen Wissenschaftslandschaft – mit Seitenblicken in die Nachbarländer – hinsichtlich vor allem dieser drei Disziplinen befragt werden, sie in ihrer historischen Gewordenheit analysiert und ihre Effekte auf die Wissensproduktion nachgegangen werden. Andererseits soll nach Transgressionen der disziplinären Container und den konzeptionellen, methodischen und theoretischen Schnittmengen und Familienähnlichkeiten gefragt werden. In der Perspektive der Wissen(schaft)sgeschichte bzw. „Wissensarbeitsforschung“ (Rabinow) geht es dem Kolloquium um eine Vermessung und Neubewertung der Trennungen und Verschmelzungen zwischen diesen Disziplinen, um ihre verwobenen Geschichten, um die Entwicklungen aufeinander zu und voneinander weg: Wie verorten sie sich heute, vor welchem historischen Hintergrund, wo geht die Entwicklung hin? Und vor allem: Lässt sich Wissensproduktion jenseits des disziplinären Containers denken? (Was ist „undiszipliniertes“ Wissen?)

 

Programm:

19.10.17Monique Scheer/Jan Hinrichsen: Einführung/Organisatorisches
Markus Rieger-Ladich (Tübingen):
Archivieren und Speichern. Disziplingeschichte als Politikum
26.10.17Laurent Fournier (Aix-Marseille):
Beyond Ethnography. Descriptive Theories in Social Sciences from a French Perspective
02.11.17MA Kolloquium
09.11.17Hermann Bausinger (Tübingen) im Gespräch mit Monique Scheer:
Richtungsstreit, Namenwechsel, Fachidentität
16.11.17Stefan Groth (Zürich):
Hierarchie und Imitation. Ethnographie als Methode und Mode
23.11.17MA Kolloquium
30.11.17Thomas Alkemeyer (Oldenburg):
Praxistheorie – die undisziplinierte Disziplin?
07.12.17Antrittsvorlesung Ulrich Hägele (Tübingen):
Che Guevara – Visualisierung des 'Guerilliero Heroico’
14.12.17Leonore Scholze-Irrlitz (Berlin):
Volks- und Völkerkunde - zwei Seiten einer Medaille?
Ethnosoziologische und sprachwissenschaftliche Konzepte im Nachkriegsdeutschland
21.12.17LUI Bookshop for Christmas
11.01.18Thomas Etzemüller (Oldenburg):
Interdisziplinarität als Praxeologie der Abgrenzung. Wie (west)deutsche Historiker ihr Fach öffnen und schließen.
18.01.18Richard Rottenburg (Halle/Saale):
Wissensinfrastrukturierungen: Vom Nutzen und Nachteil der wissenschaftlichen Disziplinen
25.01.18Andre Gingrich (Wien):
Undisciplined Knowledge: Re-activating ethnography's encounters with historical research
01.02.18Damián Omar Martínez (Tübingen)
Boundary Work and contemporary Euro-Anthropology
08.02.18„On Being Un/Disciplined“: Panel discussion with Gabriele Alex, Jan Hinrichsen, Reinhard Johler, Damián Omar Martínez, and Boris Nieswand